Beichte: Gott schenkt uns Versöhnung, weil er uns liebt

Ängste vor dem Beichtvater

Warum die Beichte aus der Mode gekommen ist und warum sie doch modern wäre, diskutieren Künstlerin Ilse Maria Huber-Talafant (57) und Techniker Peter Wurmsdobler (29) mit Weihbischof Alois Schwarz (45). Moderation: Martin Zimper.

Wurmsdobler: Ich persönlich fange mit Beichte weniger an. Für einen Menschen, der die Gnade hat zu glauben, kann es sehr viel bedeuten.
Ich beschäftige mich zwar viel mit Religion, aber ich habe mich noch nicht zu einem Glauben hinreißen können. Für die, die einen oberflächlichen Glauben haben, ist es eher Psychohygiene. Die gehen hin, erzählen ein paar Geschichtl'n und leben dann weiter wie zuvor.

Huber: Beichten gehen, wenn es um Todsünden geht, ist relativ einfach. Da kann ich sagen, ich habe gestohlen. Wenn es nicht um Todsünden geht, muß man fragen: Wie weit dürfen Priester jemanden intimst ausfragen? Eine alte Dame hat zu mir gesagt: "Ich gehe nicht mehr beichten. Da hat mich ein Priester was gefragt, ich geniere mich heute noch."

Schwarz: Bei der Beichte geht es darum, daß ich Gott die Vergebung glaube. Da ist auch die Frage des Gottvertrauens. Ich weiß, daß Gott mir vergibt. Es ist wichtig, daß ich das auch glauben kann. Wenn sie eine Partnerschaft haben, dann müssen sie vom anderen hören, ich liebe dich. Sie können sich das hundertmal denken, aber eine Partnerschaft entsteht erst dann, wenn der andere das auch sagt. Und das gleiche gibt es auch bei der Schuld. Ich kann nicht in meinem Namen vergeben als Priester oder Bischof.

Wurmsdobler: Er muß aber an die Instanz Gott glauben, die ihm vergeben kann.

Huber: Wenn jemand in Lebensbedrängnis kommt und aus dieser Not heraus sündigt, würde ich sagen, die Leute sollen ruhig beichten gehen und sagen, bitte, ich bemühe mich, etwas zu ändern, aber versprechen kann ich es nicht.

Schwarz: Ich setze anders an. Ich frage die Leute, was wünschen Sie sich von Gott?

Huber: Ich möchte mich mehr mit Liebe füllen lassen von Gott. Nur, ich kann nicht sagen, ich gehe jetzt beichten, und morgen bin ich dann die vollkommen Liebende.

Schwarz: Nein, aber daß ich grundsätzlich einmal lerne, an meinen guten Seiten zu arbeiten.

Huber: Herr Bischof, Sie haben psychologisch eine geschickte Art. Das hat ja nicht jeder Priester.

Schwarz: Es passieren Verletzungen in der Beichte. Diese sitzen oft tief. Vor allem da, wo einer Macht ausübt, die ihm nicht zusteht.

Wurmsdobler: Ich habe ein paar Leute gefragt. Die meisten gehen nicht mehr beichten, weil sie das irgendwo traumatisch in Erinnerung haben von der Mittelschule. Sie erzählen, da sind wir auf Befehl beichten gegangen.

Schwarz: Wer Schuldvergebung zugesprochen bekommen will, für den ist eine große Hilfe, wenn es dazu ein Ritual gibt.

Huber: Es gibt so viele Menschen, die schuldig geworden sind, ohne aus freiem Willen schuldig zu werden. Viele Menschen sind tüchtig im Beruf, erfolgreich, die sollen jetzt in die Beichte gehen und sagen ich bin schuld, weil ich habe jemanden betrogen. Die müßten ja jedes Monat beichten gehen.

Schwarz: Das passiert ja. Ich habe als Pfarrer stundenlang beichtgehört. Es kamen Männer, Frauen, Kinder. Und ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, daß ihnen ungeheuer leichter ist, wenn sie sich geöffnet haben. Es geht keiner gern beichten. Das ist immer eine Überwindung. Ich habe das ernstzunehmen, was derjenige sagt. Meine Aufgabe ist zu sagen, wie hilft ihm Gott in der Situation, und ein vergebendes Wort Gottes auszurichten. Oder Mut zu machen. Auf jeden Fall nicht niederdrücken. Kein Seelsorger darf bedrängen.

DIALOG: Gibt es nicht auch die Angst, daß da ein wildfremder Mensch sitzt, dem ich relativ intime Sachen sagen muß?

Huber: Natürlich, das ist eine Frage des Vertrauens.

Schwarz: Da kann ich nur ansetzen, will ich mir von Gott was zusagen lassen? Und wer kann mir das verläßlich zusagen? Wir haben in unserer Kirche die Ordnung, daß der auferstandene Jesus den Aposteln das anvertraut hat, und die haben das weitergegeben. So daß ich eine Sicherheit habe, da ist jemand, der im Auftrag Jesu mir das zuspricht und nicht im eigenen Namen.

Huber: Von Priesterseite sollte man sagen: Fürchtet euch nicht, es passiert euch nichts.

Schwarz: Es steht 365 Mal in der Bibel. Also für jeden Tag ein "Fürchtet euch nicht".

Wurmsdobler: Die Kirche hat ein verstaubtes Image. Das betrifft nicht nur die Beichte, auch die Sinnfindung.

Schwarz: Ich glaube, daß die Beichten viel persönlicher geworden sind. Sie nehmen heute viel mehr Zeit in Anspruch. Die Leute legen überall ihren seelischen Müll ab, belasten unzählige Leute damit. Die Beichte wäre - das ist ein Bild von Bischof Stecher - eine geordnete Mülldeponie, wo ich den seelischen Müll ablegen kann.

Wurmsdobler: Ich glaube, da besteht Konsens darüber, daß die Bevölkerung diesen seelischen Müll irgendwo los werden will.

Schwarz: Heute sind manche Fernsehsendungen öffentliche Beichten ohne Lossprechung. Da schildert eine mehrfache Mutter, wie sie ihren Mann erstochen hat. Hat es Ihnen leid getan, fragt die Reporterin, und sie sagt, es tut mir jetzt noch leid. Da denke ich mir, jetzt kann ihr niemand die Lossprechung geben. Jetzt muß sie mit der Schuld wieder heimgehen.

Wurmsdobler: Die Leute wollen ja, nur zur Kirche haben sie keinen Zugang mehr.

Schwarz: Es ist wichtig, daß die Leute von uns als Kirche hören, es gibt die Zusage Gottes. Wo ich dem anderen Mut mache, daß er den Weg des Guten geht. Es gibt ja viele Formen der Versöhnung und der Vergebung. Wenn jemand das Evangelium liest, werden ihm die Sünden vergeben, wenn er in die Kirche geht. Und eine Form ist die Beichte - die "Feier der Versöhnung".

Wurmsdobler: Wie sehen Sie die Möglichkeiten, daß die Kirche dieses Sakrament den Menschen wieder näherbringen kann?

Schwarz: Das eine ist, daß wir Zentren der Beichte anbieten, wie hier in der Innenstadt. Wenn die Leute wissen, im Stephansdom kann ich tagsüber immer jemanden treffen, dann kommen sie. Ein Problem ist, daß unsere Beichträume zuwenig regelmäßig geöffnet sind. Und es braucht einen schöngestalteten Beichtraum. Dort muß eine Feier der Versöhnung möglich sein. Das andere ist, wir können nur durch überzeugende Persönlichkeiten für den Glauben werben.

DIALOG: Die Beichte ist also nicht etwas mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern etwas Befreiendes?

Huber: Es ist was Heilendes.

Schwarz: So ist es. Es ist ein Geschenk.

Wurmsdobler: Meine Freunde sind alle Katholiken, gehen aber nicht beichten. Bei Beichte wird an Schuld und Zeigefinger gedacht.

Schwarz: Das Evangelium hat zuerst die Zusage und dann die Aufforderung. Jesus sagt, das Reich Gottes ist nahe, kehrt um. Wir dürfen nicht Moral vor Evangelium setzen, sondern Evangelium vor Moral. Und das ist unser Problem. Wir haben in den letzten Jahrhunderten die Reihenfolge umgekehrt.

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